{"id":400,"date":"2019-07-12T13:14:52","date_gmt":"2019-07-12T11:14:52","guid":{"rendered":"http:\/\/sportinschwerin.de\/?p=400"},"modified":"2021-01-26T11:04:54","modified_gmt":"2021-01-26T10:04:54","slug":"junger-koch-hofft-auf-spurwechsel","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/sportinschwerin.de\/?p=400","title":{"rendered":"Junger Koch hofft auf Spurwechsel"},"content":{"rendered":"<p>Ein Gespr\u00e4ch mit dem charmanten jungen Mann ist eine gute Gelegenheit, einmal die eigenen, auch die versteckten, Ressentiments gegen\u00fcber denjenigen zu \u00fcberpr\u00fcfen, die bei manchen Zeitgenossen schnell in der Schublade \u201etypisch Asylanten\u201c landen.<!--more--><\/p>\n<p>Eigentlich beginnt die Flucht von Ali Mohammadi (21) bereits vor 19 Jahren. Geboren in Afghanistan als J\u00fcngster von vier Geschwistern, geh\u00f6ren Ali und seine Familie zu der Volksgruppe der Hazara. Sie sind, nach den Paschtunen und Tadschiken, die drittgr\u00f6\u00dfte offiziell anerkannte ethnische Gruppe Afghanistans. Die Hazara sind persischsprachig und geh\u00f6ren, anders als die sunnitische Mehrheit des Landes, \u00fcberwiegend der schiitischen Konfession an. Die Konflikte zwischen den B\u00fcrgerkriegsparteien gipfeln 1997 in zwei Massakern der Taliban bei der R\u00fcckeroberung Maz\u0101r-i Scharifs sowie 2001 nach der Wiedereinnahme der Region Hazaradschat. Vor diesem Hintergrund verlassen seine Eltern mit den Kindern das Land, als Ali zwei Jahre alt ist, und gehen nach Shiraz in den Iran.<\/p>\n<p>\u201e\u00dcber meine Flucht zu sprechen, belastet mich. Ich habe das schon 1.000 mal erz\u00e4hlt, aber es interessiert niemanden wirklich.\u201c, sagt Mohammadi und nimmt einen tiefen Zug aus seiner Zigarette. \u201eSeit der zweiten Ablehnung meines Asylantrages rauche ich. Ich wusste nicht mehr, was ich machen sollte.\u201c Er wirkt ein wenig niedergeschlagen. Sein Deutsch ist fl\u00fcssig und er l\u00e4sst keinen Zweifel an dem Ernst der Situation. \u201eMit 17 bin ich aus dem Iran abgehauen. Ich hatte damals meinen Ausweis verloren und gro\u00dfe Angst. Eigentlich gab es nur zwei M\u00f6glichkeiten: Entweder sie schieben mich ab nach Afghanistan, wo meine Leute verfolgt werden. Oder ich gehe in den Krieg nach Syrien. Beides waren so etwas wie Todesurteile f\u00fcr einen jungen Mann wie mich.\u201c F\u00fcr Ali Mohammadi war das ein Alptraum und so hat er sich 2015 allein auf der Balkanroute nach Deutschland durchgeschlagen. Abgeschlossen ist sein Asylverfahren bisher nicht. \u00dcber das Fl\u00fcchtlingslager Nostorf-Horst kommt er nach Schwerin.<\/p>\n<p>Und hier will er Fu\u00df fassen. Er lernt die Sprache an der Berufsschule und erh\u00e4lt eine \u201eAufenthaltsgestattung.\u201c Dann startet er beim Jugendf\u00f6rderverein Parchim\/L\u00fcbz e. V. eine Lehre als Beikoch. Der Beikoch ist die rechte Hand des Koches. Zu den Aufgaben z\u00e4hlen Einkaufen, Putzen, Zerlegen, Ausnehmen, Schnippeln, Backen, Filetieren, Anrichten, Sp\u00fclen. \u201eIch habe wirklich viel gelernt in der Zeit und durch die Zusammenarbeit mit den deutschen Kollegen auch mein Deutsch verbessern k\u00f6nnen.\u201c Zielstrebig bereitet er sich auf seine Pr\u00fcfung vor. Das ist unter widrigen Lebensumst\u00e4nden nicht immer leicht. Mohammadi lebt in einer Art \u201eSammelunterkunft\u201c und nicht alle seine Mitbewohner sind von seinem Lebensstil und seiner Disziplin begeistert. \u2013 Er besteht im Juli 2018 nat\u00fcrlich die Pr\u00fcfung und bereits sechs Tage sp\u00e4ter beginnt er die Fortsetzung seiner Ausbildung zum Koch.<\/p>\n<p>\u201eIm Schweriner Weinhaus Uhle konnte ich gleich in das zweite Ausbildungsjahr einsteigen. Mir macht die Arbeit hier viel Freude. Ich koche eigentlich alles, was die G\u00e4ste gern essen. Kalbsgerichte und auch Schnitzel oder Gulasch.\u201c, schmunzelt Mohammadi, und sein Ausbilder Ronny Bell, einer der beiden K\u00fcchenchefs im Traditionsunternehmen Uhle, lobt seinen Lehrling. \u201eSeine Vorkenntnisse sind sehr gut, er ist super interessiert. Es ist wahnsinnig sch\u00f6n zu sehen, wie er seine Arbeitsweise entwickelt. Da hat Ali einigen Leuten wirklich was voraus. Wir geben ihm also gerne eine Chance und setzen uns f\u00fcr ihn ein.\u201c<\/p>\n<p>In seiner Freizeit spielt der HSV-Fan Fu\u00dfball beim SSC Breitensport und engagiert sich auch ehrenamtlich. Er liest mit einer deutschsprachigen Partnerin \u00f6ffentlich aus M\u00e4rchen in seiner Muttersprache vor. Er hofft auf ein Bleiberecht. Ihm gef\u00e4llt es, dass junge Menschen mit einer Berufsausbildung gute M\u00f6glichkeiten haben, sich zu entwickeln. Auch dass Gesetze und Regeln in Deutschland gelten und eingehalten werden, findet er gut. Aber er versteht nicht, wieso manche hier im Land bleiben d\u00fcrfen, die sich nicht darum bem\u00fchen, in der neuen Heimat anzukommen, und es f\u00fcr ihn so schwierig ist. Er w\u00fcnscht sich \u2013 wie auch sein Ausbilder &#8211; eine Gelegenheit zum \u201eSpurwechsel\u201c.<\/p>\n<p>Ali Mohammadi ist Optimist. Vermutlich kann er nur so die anhaltende H\u00e4ngepartie seiner Aufenthaltsfrage \u00fcberhaupt aushalten. \u201eIn Deutschland bin ich neu geboren. Die Sprache war neu, die Kultur war neu. Ich bin ich nicht stolz auf mich, aber ich glaube, ich habe das in den letzten vier Jahren ganz gut gemacht: Gelernt, gearbeitet und mich integriert.\u201c<\/p>\n<p>Was er als Koch am liebsten isst? \u201eEin Koch wird schon von Riechen statt!\u201c lacht er, \u201eMein Lieblingsgericht ist allerdings H\u00e4hnchen mit Reis, so wie meine Mutter es zubereitet!\u201c \u2013 Und man sieht ihm an, dass ihm die Familie fehlt dem und die dauerhafte Unsicherheit ihre Spuren hinterl\u00e4sst.<\/p>\n<p>Quelle Text: SVZ Onlineredaktion Pett<br \/>\nQuelle Foto: Oellerking<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein Gespr\u00e4ch mit dem charmanten jungen Mann ist eine gute Gelegenheit, einmal die eigenen, auch&#8230;<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":401,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1,11],"tags":[],"class_list":["post-400","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-allgemein","category-beitraege"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/sportinschwerin.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/400","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/sportinschwerin.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/sportinschwerin.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/sportinschwerin.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/sportinschwerin.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=400"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/sportinschwerin.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/400\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":403,"href":"https:\/\/sportinschwerin.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/400\/revisions\/403"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/sportinschwerin.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/401"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/sportinschwerin.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=400"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/sportinschwerin.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=400"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/sportinschwerin.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=400"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}