Junger Koch hofft auf Spurwechsel

Ein Gespräch mit dem charmanten jungen Mann ist eine gute Gelegenheit, einmal die eigenen, auch die versteckten, Ressentiments gegenüber denjenigen zu überprüfen, die bei manchen Zeitgenossen schnell in der Schublade „typisch Asylanten“ landen.

Eigentlich beginnt die Flucht von Ali Mohammadi (21) bereits vor 19 Jahren. Geboren in Afghanistan als Jüngster von vier Geschwistern, gehören Ali und seine Familie zu der Volksgruppe der Hazara. Sie sind, nach den Paschtunen und Tadschiken, die drittgrößte offiziell anerkannte ethnische Gruppe Afghanistans. Die Hazara sind persischsprachig und gehören, anders als die sunnitische Mehrheit des Landes, überwiegend der schiitischen Konfession an. Die Konflikte zwischen den Bürgerkriegsparteien gipfeln 1997 in zwei Massakern der Taliban bei der Rückeroberung Mazār-i Scharifs sowie 2001 nach der Wiedereinnahme der Region Hazaradschat. Vor diesem Hintergrund verlassen seine Eltern mit den Kindern das Land, als Ali zwei Jahre alt ist, und gehen nach Shiraz in den Iran.

„Über meine Flucht zu sprechen, belastet mich. Ich habe das schon 1.000 mal erzählt, aber es interessiert niemanden wirklich.“, sagt Mohammadi und nimmt einen tiefen Zug aus seiner Zigarette. „Seit der zweiten Ablehnung meines Asylantrages rauche ich. Ich wusste nicht mehr, was ich machen sollte.“ Er wirkt ein wenig niedergeschlagen. Sein Deutsch ist flüssig und er lässt keinen Zweifel an dem Ernst der Situation. „Mit 17 bin ich aus dem Iran abgehauen. Ich hatte damals meinen Ausweis verloren und große Angst. Eigentlich gab es nur zwei Möglichkeiten: Entweder sie schieben mich ab nach Afghanistan, wo meine Leute verfolgt werden. Oder ich gehe in den Krieg nach Syrien. Beides waren so etwas wie Todesurteile für einen jungen Mann wie mich.“ Für Ali Mohammadi war das ein Alptraum und so hat er sich 2015 allein auf der Balkanroute nach Deutschland durchgeschlagen. Abgeschlossen ist sein Asylverfahren bisher nicht. Über das Flüchtlingslager Nostorf-Horst kommt er nach Schwerin.

Und hier will er Fuß fassen. Er lernt die Sprache an der Berufsschule und erhält eine „Aufenthaltsgestattung.“ Dann startet er beim Jugendförderverein Parchim/Lübz e. V. eine Lehre als Beikoch. Der Beikoch ist die rechte Hand des Koches. Zu den Aufgaben zählen Einkaufen, Putzen, Zerlegen, Ausnehmen, Schnippeln, Backen, Filetieren, Anrichten, Spülen. „Ich habe wirklich viel gelernt in der Zeit und durch die Zusammenarbeit mit den deutschen Kollegen auch mein Deutsch verbessern können.“ Zielstrebig bereitet er sich auf seine Prüfung vor. Das ist unter widrigen Lebensumständen nicht immer leicht. Mohammadi lebt in einer Art „Sammelunterkunft“ und nicht alle seine Mitbewohner sind von seinem Lebensstil und seiner Disziplin begeistert. – Er besteht im Juli 2018 natürlich die Prüfung und bereits sechs Tage später beginnt er die Fortsetzung seiner Ausbildung zum Koch.

„Im Schweriner Weinhaus Uhle konnte ich gleich in das zweite Ausbildungsjahr einsteigen. Mir macht die Arbeit hier viel Freude. Ich koche eigentlich alles, was die Gäste gern essen. Kalbsgerichte und auch Schnitzel oder Gulasch.“, schmunzelt Mohammadi, und sein Ausbilder Ronny Bell, einer der beiden Küchenchefs im Traditionsunternehmen Uhle, lobt seinen Lehrling. „Seine Vorkenntnisse sind sehr gut, er ist super interessiert. Es ist wahnsinnig schön zu sehen, wie er seine Arbeitsweise entwickelt. Da hat Ali einigen Leuten wirklich was voraus. Wir geben ihm also gerne eine Chance und setzen uns für ihn ein.“

In seiner Freizeit spielt der HSV-Fan Fußball beim SSC Breitensport und engagiert sich auch ehrenamtlich. Er liest mit einer deutschsprachigen Partnerin öffentlich aus Märchen in seiner Muttersprache vor. Er hofft auf ein Bleiberecht. Ihm gefällt es, dass junge Menschen mit einer Berufsausbildung gute Möglichkeiten haben, sich zu entwickeln. Auch dass Gesetze und Regeln in Deutschland gelten und eingehalten werden, findet er gut. Aber er versteht nicht, wieso manche hier im Land bleiben dürfen, die sich nicht darum bemühen, in der neuen Heimat anzukommen, und es für ihn so schwierig ist. Er wünscht sich – wie auch sein Ausbilder – eine Gelegenheit zum „Spurwechsel“.

Ali Mohammadi ist Optimist. Vermutlich kann er nur so die anhaltende Hängepartie seiner Aufenthaltsfrage überhaupt aushalten. „In Deutschland bin ich neu geboren. Die Sprache war neu, die Kultur war neu. Ich bin ich nicht stolz auf mich, aber ich glaube, ich habe das in den letzten vier Jahren ganz gut gemacht: Gelernt, gearbeitet und mich integriert.“

Was er als Koch am liebsten isst? „Ein Koch wird schon von Riechen statt!“ lacht er, „Mein Lieblingsgericht ist allerdings Hähnchen mit Reis, so wie meine Mutter es zubereitet!“ – Und man sieht ihm an, dass ihm die Familie fehlt dem und die dauerhafte Unsicherheit ihre Spuren hinterlässt.

Quelle Text: SVZ Onlineredaktion Pett
Quelle Foto: Oellerking

2 Antworten auf „Junger Koch hofft auf Spurwechsel“

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